206 HAZIME | GAZI | ARITA | TUANA | NUARD

In ein paar Jahren werden Gazi und Hazime ihrem Sohn antworten, dass er in Berlin geboren wurde. Nuards Leben begann in Zimmer 206 des Heimes für Asylsuchende in Spandau.

     Die Kleinstadt Shtime liegt zwischen Hügeln im Südosten des Kosovo. Das Licht des Spätnachmittags macht den Ort schöner. Von Prishitina aus, ist Shtime mit dem Bus in einer halben Stunde erreichbar. Die Rruga Bllacaliva, in der die Familie Latifi wohnt, zweigt von der Hauptstraße ab.

„Sherije?“, der Mann von Haus Nummer 16 schüttelt den Kopf. „Möchten Sie einen Kaffee?“. Er spricht Deutsch mit der Melodie und dem Akzent des Schweizerischen. Die Adresse stimmt, aber der Vorgarten, in dem wir stehen ist seiner und auch das Haus, dessen Bau er in der Schweiz erarbeitet hat. Seit dem Krieg Ende 90er lebt er dort. Bald geht er in Rente. Dann kehrt er zurück in den Kosovo. Auch sein Neffe, der mich später zur Straße und zu Sherije, der Mutter Gazis, bringt, spricht fließend, fast akzentfrei Deutsch. Er hat im Bayrischen Bissingen gelebt. Seit einem Monat ist er zurück: Asylantrag abgelehnt. Bald sprechen sie alle Deutsch in Shtime.

    

     Hazime tanzt. Ihre Gestalt ragt über die Gäste hinaus. Die Nofretete-artige Aufsteckfrisur lässt sie noch hochgewachsener erscheinen. Sie gleitet über die Fläche und grüßt die Schwiegereltern, so wie es der traditionelle Hochzeitstanz vorschreibt. Die Bilder wackeln. Gazis Mutter Sherije führt das Video der Hochzeit ihres Sohnes mit Hazime auf ihrem Handy vor. Wir sitzen auf den beigen Polstersesseln, deren gewichtige Üppigkeit sich schon auf den Fotos erahnen ließ, die Gazi in Berlin von seinem Zuhause zeigte. Sherije hat Kaffee gekocht, serviert rote Limonade.

     "... Asylantrag als offensichtlich unbegründet abgelehnt" – Über Hazimes Schönheit hat sich in den zwei Jahren des Wartens und Erduldens ein müder Schleier gelegt. BLEIBEN – Keiner ihrer Gedanken kann die Hürde dieses Wortes überwinden.

Gazi ist zermürbt. Seine Versuche eine legale Arbeit zu finden, sind an der Gesetzeslage gescheitert. Unverständnis und Hilflosigkeit machen ihn kirre. Mit von Schlaf und Sorgen zerknautschtem Gesicht steht er im Unterhemd, verwegen wie Jean Paul Belmondo, im Türrahmen von Zimmer 206. Der Blick entlang des Flurs eröffnet keine Aussicht. Einzig die sechsjährige Arita denkt voran. In einem kleinen Buch notiert sie sich Rechenaufgaben, die sie, kaum niedergeschrieben, ernsthaft löst und den Anwesenden zur Korrektur vorlegt. Arita wird in diesem Jahr eingschult - ihren Platz in der Spandauer Grundschule wird sie nicht mehr einnehmen können.

     Das zweite Haus mit der Nummer Nr.16 in der Straße Bllacaliva zeigt von aussen weniger Charakter als die Zwillingsnummer. Sein Inneres aber ist schön, mit modernen Materalien gestaltet. Der Brausekopf der Dusche größer als jeder je gesehene. Mentor, der zweite Sohn in der Familie, finanzierte den Ausbau. Auch er verdiente das dazu notwendige Geld in Deutschland. Tochter Lulija lebt seit sieben Jahren in Stuttgart, verheiratet, ein Kind. Nur die mit 15 Jahren Jüngste der Familie wohnt noch bei den Eltern. Noch. Krenare war damals zu klein, um sich heute zu erinnern, wie es war, als sie zusammen mit der Mutter und den Geschwistern im Kosovo-Krieg nach Portugal evakuiert wurde. Vater und Grossvater blieben zurück. Shtime lag unter Beschuss. Nach vier Monaten kehrten sie zurück. Der Krieg sei vorbei, hieß es.
Sehenswürdigkeiten gibt es in dieser Stadt keine, nur Orte des Gedenkens. Gazis Vater chauffiert in seinem Taxi zu den Gräbern der Toten des Massakers von Račak und zu dem Wäldchen, welches damals zur Frontlinie wurde. Schwere Marmorplatten decken die Wunden des Krieges zu. Verheilt sind sie nicht.

Die Eltern können leben in Shtime. Die beiden Nähmaschinen, an denen Sherije arbeitet, stehen etwas versteckt zwischen Kleidungsstücken in einer Boutique in der Hauptstraße, wenige Minuten von ihrem Haus entfernt. Sie stellt traditionelle Kleidung her, Volkstrachten, mit denen an Festen die erkämpfte Identität im Tanz befeiert wird. „Jo negociatat pavarësinë“, keine Verhandlungen über die Unabhängigkeit, hat jemand auf eine Hauswand getagged.

In Shtime wissen sie, dass Gazi, Hazime, Arita, Tuana und Nuard binnen einer Woche zurückkehren werden. Dann wird es wieder eng im Haus und die Betten in den zwei Schlafzimmern reichen kaum für acht Leute.

Die Gedanken werden weiter an einer Hürde scheitern: WEGGEHEN.
Die Zukunft liegt hinter den Hügeln.

Nachtrag: Der Text entstand nach einem Besuch in Shtime bei der Familie am 2. September 2016. Am 11.9. kehrten Gazi, Hazime, Arita, Tuana und Nuard in den Kosovo zurück.