Das Ereignis findet nicht unbedingt am Orte seines Ursprunges statt
Der Securityman sitzt mit nicht gerade heiterer Miene am Ende des Flures. Pokémonartige Figuren hüpfen über die grasgrüne Fläche seines Handydisplays. Das ist aber auch alles, was hier im Eingangsbereich des Heimes, an Natur erinnert. Jenseits der Glastür ist der Tag um 12 Uhr Tag strahlend schön.
„Nicht Viele“, antwortet Kevin. „Es ist doch so schön. Warum gehen die Leute nicht raus?“ Einmal mehr stelle ich diese Frage, mehr an mich selbst als an das gegenüber gerichtet. Mit bewölkten Gedanken zur Frage der Partizipation stapfe ich in den ersten Stock, Zimmer 106. Kasim hebt den Kopf auf dem Kissen an, als ich auf sein rauchiges „Herein“ die Tür öffne. „Kasim, aufstehen“, sage ich, „es ist so schön!“ „Später“ bescheidet er mir grinsend und schickt mich in die Küche. Zineta ist am Kochen. Ich bringe ihr Garnrollen, damit sie weiter mit gobelinartigem Stich die Worte „KUNST“ und „ASYL“ in die Bezüge zweier Stuhlrückenlehnen sticken kann.
Die Dichte der Stickerei bindet Zeit. Sie hat Kopfschmerzen, der Blutdruck ist zu hoch, der Sorgen sind zu viele und morgen muss sie zum Amt. „Nimm doch die Stickerei mit“, sage ich. Die Wartezeit auf den Ämtern ist unendlich.
„Ich sticke schon überall“, antwortet Zineta, „in der U-bahn, in der S-bahn. Die Leute fragen mich, was machst du da?“. Sie hebt den Bezug hoch. „Dann sehen sie das Wort ASYL“ . In Pink und Lila schimmert es unvollendet auf dem Gewebe.
Die Küche verwandelt sich in einen U-bahnwagen mit Zineta, zwischen ihren Sitznachbarn stickend. KUNST und ASYL in Gobelin – die Vorstellung einer Performance, die mich beglückt.
Kasim, Martha, Zineta und Melisa verbringen später den Nachmittag mit uns im Hofgarten.
Zineta stickt und Umar fragt „Kennst du essbare Buchstaben?“. Ja, ich erinnere mich an das Alphabet mit Lebkuchengeschmack. Der Junge aus Tschetschenien strahlt mich an. Ich erinnere mich auch, dass das Gebäck als „Russenbrot“ verkauft wird. „Weißt du was ich in der Schule gemacht habe?“. Eine Sekunde lang will ich die Frage vereinen, aber dann ist mir klar, welches Wort Umar aus den essbaren Buchstaben geschrieben hat: KUNSTASYL.
„Ja“, bestätigt Umar, „und Aymen und Therry und Till und Barbara“.
Ich klebe die nächste Bahn Tapete.
Das wirkliche Ereignis findet nicht unbedingt am Orte seines Ursprungs statt.
