Das Unglaubliche ist der einzige Maßstab, an den zu glauben immer richtig ist. (Zeilen und Tage, 451) *
Gedanken, Meinungen und Äußerungen, die auf dieser Website veröffentlicht werden, zollen der subjektiven Realität Respekt. Subjektiver Wahrnehmung Raum zu geben, schließt Wertung, bzw. Zensur - solange sie nicht menschenverachtend ist und gegen das Grundgesetz verstößt– aus.
Sie ist ernstzunehmen und verdient als einzelne Stimme Gehör, innerhalb der dringlich zu führenden Diskussion, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen, die aus individuellen und existentiellen Notsituation Zuflucht in Deutschland suchen.
Die veröffentlichten Beiträge sind zu ertragen. Sie sind nicht als Angriffe auf bestimmte öffentliche oder private Institutionen, Einrichtungen oder Personen zu verstehen.
Ihre Kritik geht tiefer – der Beitrag des 11-jährigen Khaled übt Systemkritik:
Darf Khaled – ein Junge aus Syrien, der beim Anblick eines Lärmschutzkopfhörers sagt, „Toll, der ist gut zum schlafen“ und damit eine Kriegserfahrung formuliert, nämlich die, der durch einen Klangteppich von „Bumbumbum“ unterlegten Tagen, Woche und Monaten, darf also dieser Junge Ähnliches sagen wie, das HEIM ist schrecklich und dreckig und damit formulieren, welchen Schmerz seine Kinderseele erlitt? Weil ein HEIM ganz sicher das wichtigste nicht bieten kann, was er brauchen würde – nämlich Geborgenheit für ein 11-jähriges Kind. Solche findet sich nicht zwischen „Tisch, Stuhl, Bett, Schrank und einem Mülleimer mit Deckel“.
Dürfen wir, als Künstler, diese Geschichte sichtbar machen für Passanten? Fett auf Plane gedruckt und unübersehbar? Ist es vielleicht sogar unsere Aufgabe sie kundzutun und dieser Stimme Raum zu geben? Gefährden wir die Bewohner des Heimes, wenn wir dies tun und den Einzelnen sprechen lassen? Erhöhen wir die Gefahr rechtsextremer Übergriffe durch provokante Formulierungen der Menschen im Heim?
Oder - provozieren wir diese Gefahr nicht vielmehr, solange wir Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, isolieren, an den Grenze zu Industriegebieten oder in Containerdörfern unterbringen und zur Ghettobildung statt Integration beitragen?
Wir haben die Botschaften auf den Planen mit der Geschichte von Khaled und dem Bild von Zineta heute von der Straßenseite abgewendet. Neutrales Weiß verhüllt nunmehr die für VerkehrsteilneherInnen einsichtigen Teile des Zaunes.
Ein schmerzhafter Eingriff, eine Beschränkung des Raumes – des physischen Raumes, des Gedanken- und Sprachraumes. Eine Kompromisslösung und Respektsbezeugung schweren Herzens gegenüber der Heimleitung und der Betreibergesellschaft.
„Are you sad?“, fragt mich ein Bewohner am späten Nachmittg. „Nein“, antworte ich, „ es ist eine Mischung aus Traurigkeit, Frustration und Wut“.
Zuhause lese ich nach in einem Artikel vom 12. Dezember 2014, Nr. 22253/ Tagespiegel, veröffentlicht anlässlich der Errichtung eines Containerdorfes in Friedrichshagen/ Rahnsdorf. Anwohner hatten sich auf juristischem Wege per Eilverfahren gegen die geplante Einrichtung gewehrt. Ein Gericht bezog Stellung zu der Frage, ob das Gelände für eine Unterbringen von Geflüchteten und Asylsuchenden genutzt werden darf. „Das Gericht meint, ein Flüchtlingsheim diene nicht dem Wohnen, da Wohnen durch selbstbestimmte Häuslichkeit“ gekennzeichnet sei, die Flüchtlinge aber nicht selbstbestimmt seien, sondern zugewiesen würden. Um eine soziale Einrichtung handele es sich auch nicht, denn eine solche diene dazu, die Infrastruktur im Viertel zu verbessern.
Ein Asylbeweberheim sei etwas Eigenes“.
Die einzig akkustisch adäquate Erwiderung darauf findet sich wohl im Sound des arabischen SCHLOOON ?????. Waaas??
Ich konfrontiere diese schier unfassbare Formulierung wieder einmal mit den Ausführungen von Vilém Flusser, veröffentlicht unter dem Titel WOHNUNG BEZIEHEN IN DER HEIMATLOSIGKEIT in seiner philosophischen Autobiographie (Heimat und Geheimnis - Wohnung und Gewohnheit):
„Man hält die Heimat für den relativ permanenten, die Wohnung für den auswechselbaren, übersiedelbaren Standort. Das Gegenteil ist richtig: Man kann die Heimat auswechseln, oder keine haben, aber man muß immer, gleichgültig wo, wohnen. Die Pariser Clochards wohnen unter Brücken, die Zigeuner in Karawanen, die brasilianischen Landarbeiter in Hütten, und so entsetzlich es klingen mag, man wohnte in Auschwitz. Denn ohne Wohnung kommt man buchstäblich um. Dieses Umkommen lässt sich auf verschiedene Weisen formulieren, aber die am wenigsten emotional geladene ist diese: ohne Wohnung, ohne Schutz von Gewöhnlichem und Gewohntem ist alles, was ankommt, Geräusch, nichts ist Information, und in einer informationslosen Welt, im Chaos, kann man weder fühlen noch denken noch handeln.“
Es ist Gazi, Gast aus Albanien, der den Tag rettete. Drei kosovarische, bzw. albanische Familien waren gleichzeitig für eine Woche verreist. Wir hatten sie vermisst. Zu einer davon gehört Gazi. Am Tag nun seiner Rückerkehr daHEIM- mich durch die Maschen des Zaunes von der Straßenseite her im hinteren Teil des Hofes erblickend- wirbelte er seine Armen durch die Luft. Beschleunigt stand er vor mir und ich verstand seine Botschaft sehr gut, dass er nämlich während seines Urlaubes in Heilbronn ein hölzeres Gefäß entdeckt hat, einen Blumentrog sozusagen, welcher ihn an uns denken ließ, er diesen fotografierte und nun morgen zusammen mit Endrit, Bashkim und Aymen nachbauen möchte."Morgen nicht essen", fügte er lachend hinzu, "arbeiten".
Wir lachen auch.
… Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit.Blumenkästen sind ein möglicher Ausdruck davon. Wenn es um das Wohnen geht. Wenn es um Raum geht. Wenn es um Selbstbestimmtheit geht.
Tut es aber nicht. Hat das Gericht am 12.Dezember 2014 entschieden.
Dazu ist Stellung zu beziehen.
Dazu ist Stimme von Nöten, die gehört werden darf.
Peter Sloterdijk, (* 26. Juni 1947 in Karlsruhe), deutscher Philosoph und Kulturwissenschaftler