Deutschland... hattest du reiflich nachgedacht,
War es ein betrunken-verzweifelter Deal nachts um drei, der dich dazu bewog, Schutzsuchende aus Afghanistan in dieses umkämpfte, besetzte Land zurückzuschicken? Die afghanische Armee, so konnte man in der Presse lesen, brauche die Männer als Soldaten.
„Insgesamt sind 70,5% aller Asylbewerber jünger als 30Jahre“ - eine statische Zahl, publiziert 2014 in einer Veröffentlichung des bamf1. Auch bei uns daHeim ist kein Afghane über dreißig. Gehen sollen sie jetzt alle und also die „Sicherheit am Hindukusch“2 verteidigen. Sie haben das in den zurückliegenden Jahren bereits getan - haben den Westmächten als Übersetzer gedient oder auch mal deren Fuhrpark gepflegt.
Gnädig akzeptiert die Verkäuferin bei Netto den Berlin Pass zur Legitimation, wenn der Einkauf für 5.81 mit der Bankkarte bezahlt wird. Ihre Ausweise hast du von der Ausländerbehörde kassieren lassen und ihnen stattdessen das weiße Papier in die Hand gedrückt.
Das Recht auf Bildung spielst du nun aus unter den Schwächsten:
Deutsche Sprache unter Vorbehalt – nur für Asylsuchende aus Syrien, Irak, Eritrea, Iran.
"Ohne Sprache bist du wie ohne Arme und ohne Beine" - Mit der Metapher einer Amputation hatte Kumrije ihr Gefühl sprachlicher Ohnmacht ausgedrückt, als sie im Mai aus dem Kosovo nach Berlin kam.
ER hat in den vergangenen Wochen Schule um Schule für einen Platz in einem Sprachkurs aufgesucht. „Nicht für Afghanen“ hat er dabei gelernt. Soviel Deutsch kann er jetzt. Er ist 25 Jahre alt und kam vor 11 Monaten aus Pachir w agam - Taliban Hochburg, kein schöner Land, dafür Sitz der Daesh.
Am letzten Sonntag hat er seinen Kopf gegen die Wand seines Zimmers geschlagen und sich Wunde um Wunde beigebracht. Sein Freund hat ihn gefunden bevor er springen konnte.
In der Klinik hat man ihn mit Fixiervorrichtungen und Leibgurte vor sich selber geschützt.
"Mein Leben ist ein Nichts", sagt er. "Das Leben von Menschen aus Afghanistan hat keinen Wert. Wir dürfen nicht mal in die Schule gehen. Essen, schlafen. Was für einen Sinn hat so ein Leben."
"Denk ich an Deutschland in der Nacht, ...", Heine
oder "draußen vor Tür", Borchert.
Zwei deutsche Dichter.
Schön.
Aber um sie zu lesen, müsste man die Sprache können.
2 Peter Struck, ehemaliger Verteidigungsminister am 5. Dezember 2002
