"Die Tränen der Welt sind unvergänglich.
Der Mann schritt auf mich zu. Er hatte mich im Fokus, ich war sein Ziel, daran ließ seine gleichförmige Fortbewegung keinen Zweifel. Er heftete sich an meinen Blick, schmal und klein, auch im Näherkommen wurde er nicht größer. So erinnere ich ihn – trügerisch. Er wird wohl größer sein als meine 160cm, die fast jeder überragt.
Nur Zineta nicht. Zineta ist 1.53. Sie stand hinter mir, neben ihr Al Khaled und Mawlud, Serdar und Dachil. Der Kasernenflur in Fluchtwegbreite. In den Zimmern und Zelten auf dem Gelände in der Schmidt-Knobelsdorfstraße Notunterkünfte für Hunderte von Menschen.
Zwei Tage zuvor hatte sie mich am der strategisch günstigsten Punkt innerhalb des Heimes abgepasst. Der Engpass zwischen Security, dem Treppenaufgang zum ersten und zweiten Geschoss und den Flurverzweigung Richtung Keller oder Aufenthaltsraum erlaubte kein aneinander vorbeigehen ohne Ausweichmanöver. Sie bat um fünf Minuten Gespräch. Die Not der täglich Ankommenden und die schiere Unmöglichkeit, sie unterzubringen und mit dem Notwendigsten zu versorgen, verbrämte die Unzulänglichkeiten der eigenen Unterkunft, welche seit zwei Jahren zwischen Bett, Stuhl, Schrank und einem Mülleimer mit Deckel Zineta's und Melisa's daHEIM ist.
Zineta wollte helfen und etwas von dem Wenigen, was sie besaß, teilen mit denjenigen, die nichts mehr hatten.
Zwei Tage später fuhren wir zu zu sechst zu diesem Ort der Überforderung. Wir verharrten zwischen der morgendlicher Betriebsamkeit von Menschen, die ihren Weg zur Kleiderausgabe suchten und denen die, sich an der Essensausgabe anstellten. Kleintransporter lieferten Spenden an.
Al Khaled's Bruder ist einer von hunderten, die in den weißen Zelten schlafen. Die Räume in der Kaserne sind vornehmlich Familien vorbehalten. Die Zelte hielten dem Regen nicht stand.
Auf den Fensterbänken lüfteten Schuhe aus.
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Wladimir : Was machst du?
Estragon: Dasselbe wie du, ich gucke in den Mond
Wladimir: Ich meine mit deinen Schuhen.
Estragon: Die lass ich stehen. […] Ein anderer wird kommen, einer genauso... genauso... wie ich, aber mit kleineren Füssen, und sich freuen.
Wladimir:Du kannst aber nicht barfuß laufen.2
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Der Mann im Kasernenflur hatte seinen Weg zurückgelegt. Er stand dicht vor mir. Seine Gesichtsfarbe schimmerte gelblich. Vielleicht trug er auch nur die Reflexion der Wandfarbe auf der Haut.
Mit einem letzten Schritt überwand er die wenigen verbleibenden Zentimeter Distanz. Dicht an dicht standen wir uns Atemhauch an Atemhauch gegenüber.
Mann: HOW LONG DO I HAVE TO STAY HERE?
Ich schwieg. Warum fragst du mich das?, wollte ich erwidern. Mich? Ich schwieg.
Wir verblieben bewegungslos. Der Boden sackte unter den fallenden Sekunden ab.
Ich: I DON'T KNOW
Pause
Mann : WHY?
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Wladimir: Sag doch was
Estragon. Ich suche
Wladimir. Sag doch irgendwas .
Estragon: Was sollen wir jetzt machen?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ach ja.3
Zitate aus: Samulel Beckett, Warten auf Godot, Suhrkamp Taschenbuch 1, 1971 p.135 | p86 | p156
