Flieg Gedanke

02.04.2015 daHEIM

„Welches Land ist besser – Schweiz oder Deutschland?“

11 Uhr. Latif und ich sind unterwegs zum Baumarkt. Windböen greifen uns von allen Seiten an.

Ich antworte ihm, dass ich nicht sagen könne, ob eines der Länder „besser“ sei, als das andere. Auch hätte ich die Erfahrung nicht gemacht, als Erwachsene in der Schweiz zu leben. Dass ich aber gerne in Deutschland leben würde, gut mit dem Land klarkäme und Deutschland wohl auch mit mir. Sein Eindruck in der Schweiz gäbe es nicht so viele Ausländer, sei nicht richtig. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sei der Anteil höher als in Deutschland: Jeder fünfte Bewohner der Schweiz sei Ausländer.

Fünf Schritte weiter füge ich hinzu, die Schweiz sei sehr schön und wirke so friedlich. Deutschland empfände ich nicht als friedlich. Latif teilt meinen Eindruck von Deutschland.

Plötzlich verspüre ich eine Sehnsucht. Die Schweiz blättert sich vor mir auf in Postkartenbilder – die Berge, die Seen, die Wiesen mit den Kühen, Glocken um den Hals, ein bunter Bilderreigen von Klischees – süß wie Schokolade, währschafter Käse.

 

Während einer Woche haben wir der Kälte, dem Sturm, dem Regen getrotzt. Am Gründonnerstag sind die Energien aufgebraucht. Das Heim wirkt verlassen, am Abend stellt der Wachmann einen Stapel nicht abgeholter Bewohneressen auf den kleinen Tisch im Flur. Der Sturm hindert nicht die Wiederkehr des Erlebten, vertreibt nicht die Sorgen, Schmerzen und Gedanken der Menschen. Fast greifbar geistern sie heute durchs Haus- Gespenster und stumme Interpreten von Verdis Gefangenenchor.

Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht,
lass'dich nieder in jenen Gefilden,
wo in Freiheit wir glücklich einst lebten,
wo die Heimat uns'rer Seele ist.*

„Sono infortunato“ - In zwei Worten fasst Faris sein Leben zusammen. Das „Glück“ erscheint im HEIM nur in seiner Verneinung. Spricht einer, so spricht er für viele. Ob er das HEIM als „Casa degli infortunati – Haus der Verunglückten“ bezeichnen würde, frage ich ihn. Er zuckt zusammen, verneint und wählt die Bezeichnung „Casa dei bisognosi – Haus der Bedürftigen“.

11.45 Unter elendem Himmel spazieren Latif und ich, Spachtelmasse und Silikonkartusche in den Händen und Sehnsucht nach der heilen Welt im Herzen, zurück ins Heim.

"Warum", fragt Latif noch, "wollen eigentlich so viele Leute in Deutschland nicht bei Netto einkaufen, sondern lieber bei Kaisers"

* Populärübersetzung des Freiheitsliedes aus der Oper Nabucco von Giuseppe Verdi

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