Lieber Latif

05.10.2015 daHEIM

Jetzt bist du plötzlich nicht mehr da.

Mazin würde beim Anblick unserer Minen wahrscheinlich sagen, "warum tut ihr denn so erschreckt? Ihr wusstet doch, dass der Tag kommt". Er hatte das schon einmal zu uns gesagt. Da saßen Aymen, Dachil und ich zu unserer morgendlichen Besprechung an einem der Holztische vor dem Bauwagen im Utopia Garten. Mazin hatte sich zu uns gesellt. „Sie sind nur noch ein paar Tage hier“.
Mit „sie“ meinte Aymen dich und deine Familie. Ich hatte mit einer spontanen Geste des Erschreckens das Gesicht mit den Händen bedeckt. Mazin reagierte erstaunt : „ Ihr wusstet es doch“.

Ja, wir wussten es. Das erste Erschrecken liegt vielleicht sechs Wochen oder gar zwei Monate zurück.

„Weißt du Barbara, jetzt ist es so, wie ich immer wusste, dass es sein wird: eines Tages komme ich ins Heim und Latif ist nicht mehr da.“ Das hat dein Freund Khaled gesagt, als er uns am letzten Freitag besuchen kam. Wir unterhielten uns, saßen uns rittlings auf einer Bierbank vor der Garage in der Sonne gegenüber. „Ja“, antwortete ich, „und es hat kein gutes Ende genommen“. „Was meinst du“, hat dein Freund nachgefragt, „sie sind mit der Polizei abgeholt worden, oder?“.

Am Donnerstag um neun Uhr morgens, so hat man mir erzählt, war es soweit.

Ziemlich genau vor drei Wochen hast du mich zur Seite genommen. Der Moment war für ein Zwiegespräch nicht gut geeignet. Ungefähr fünfundzwanzig Leute saßen zu einer Besprechung im Kreis. Aber dir drängte es. Du wolltest wissen, ob es nicht besser sei, die Kamera, die wir dir geschenkt hatten, schon mal per Post in den Kosovo zu schicken. Du hattest Angst, dass du sie vielleicht vergisst, oder dass ihr was passiert, wenn die Polizei kommt und der Aufbruch kein geordneter ist.

Auf meine Frage, ob ihr denn eure Tickets für die Rückreise noch nicht abgeholt habt, antwortetest du hektisch „Ja, nee, noch nicht“. Dann sagtest du noch „Du weißt ja, man weiß ja nie“.

Mir schien es keine gute Idee deine EOS 450 per Post zu verschicken. Ich riet dir, die Kamera fortan nachts neben das Bett zu legen und sollte die Polizei dich wecken, sie dir als allererstes umzuhängen.“

Die Kamera soll dich ja begleiten, wo auch immer du bist. Dafür und als Anerkennung für deine fotografische Mitarbeit im KUNSTASYL hatten wir sie dir überreicht.

Du wirst Vorsorge getroffen haben und sie wird bei dir sein. In Podujeva.

In den letzten Wochen hatten wir keinen engen Kontakt mehr. Irgendetwas hatte sich verändert, du warst fern, abwesend, verhalten. Auch ließ sich ein Konflikt zwischen dir und Dachil nicht mehr auflösen. Aber dein dreimal wöchentlicher Morgengruß „Na KUNSTASYL, wie geht’s euch?“, hallt noch nach. In guter und fröhlicher Erinnerung.

Inzwischen ist es Montag. Das Wetter ist unverändert schön und die Temperaturen sind spätsommerlich lau. Ich stelle mir vor, wie du befreit durch euren Garten pirscht. Das Obst müsste doch schon reif sein. Schick uns doch mal ein Foto!

Deine Eltern wollten gerne zurück. Sie hatten Heimweh nach Haus und Garten. Der Versuch in Deutschland Asyl zu beantragen, haben sie wohl weniger für ihre eigene Zukunft gewagt, sondern für dich und Endrit.

Vom 29.12. 2014 bis zum 1.10.2015 habt ihr im HEIM gewohnt. Neun Monate deines Lebens warst du Asylsuchender in Deutschland. Seit dem 14. Juli wusstet ihr, dass das Gesetz eine Ausnahme auch für euch nicht vorsah. Endrit hatte mir die Kunde des Negativbescheides durch die runtergefahrene Fensterscheibe mitgeteilt. Ich ließ das Auto wieder zurückrollen, parkte erneut vor dem Heim.  In Raum 109 servierte Fahrije Milchreis und Cola. Dein Bruder, Bashkim und ich saßen an dem kleinen Tisch mit Wachstischtuch, der viel zu klein ist für eine fünfköpfige Familie. Fatime, Omer und Oldi schliefen. Die Nachttischlampe warf ihren Schein von der Fensterbank. Bleiche Zukunft.

Dachil hat heute dein Türschild eingesammelt. Es liegt jetzt neben mir auf dem Tisch. In euer Zimmer sind Omer, Taghrid, Tasnim, Mohammad und Ali eingezogen um auch gleich wieder auszuziehen. Runter ins erste Stockwerk. Das Zimmer von Mohamed Firas, seiner Mutter und seinen Schwestern ist ja jetzt auch frei. Seit heute wohnen sie jetzt da. Da gibt es ein Waschbecken im Zimmer. Das gab es bei euch ja nicht. „50 Meter bis zum Zähneputzen“, das war dein Kommentar dazu.

Auch Al Khaled ist nicht mehr im Heim. Er wurde heute morgen um 6.30 abgeholt. Sicher ist er jetzt in Rom.

Lieber Latif, wir haben viel Zeit miteinander verbracht und wir haben viel zusammen erlebt. Diese gemeinsame Zeit bleibt uns wichtig. Du weißt, dass wir den Plan haben, euch in Podujeva besuchen zu kommen. Daran halten wir fest. Auch wenn es ein bisschen dauern wird.

Wir wünschen dir alles Gute und wir hoffen, du lässt uns ab und zu wissen, wie es dir geht.

Grüße an Bedrie & Shaban!

Die waren Cowboy kommen aus dem Kosovo!

barbara


caveng_KUNSTASYL illustration Latif Hazir