"Mein Zuhause Dyz"
Pünktlich zum Abendessen ging das Licht an.
Stolz hatte uns die Familie von Bashkim den Brunnen auf dem Gelände gezeigt, nur der Strom ließ sich nicht mit Eimern schöpfen. Die Stunden ohne Elektrizität entsprachen der täglichen Normalität, brannte unerwartet das Licht, erhellte sich die Stimmung im Wohnraum der Familie.
„Mein Zuhause Dü...“. Immer wieder spielten wir die Sprachnachricht ab, das Handy ans Ohr gepresst. Bashkims Zuhause gehörte zu Podujeva, einer Großgemeinde aus 80 Dörfern, die sich von Bajqinë bis Zhiti in alle Himmelsrichtungen weit ausdehnt. Vor zwei Jahren war auch der damals 14-jährige Latif mit seiner Familie von Podujeva aus nach Deutschland aufgebrochen. "Ich habe gelebt in einer Stadt, die Podujeva heisst, in der Nähe der Hauptstadt...". Seine Nike air max, mit denen er auf die Balkanroute ging und als erste, die nahe serbische Grenze überschritt, stehen seit Juli diesen Jahres im Museum Europäischer Kulturen in Berlin und erinnern zusammen mit einer Gesprächsaufzeichnung an den Freund. Latifs letzte Hoffnung zerbrach am 1.Oktober 2015 mit der polizeilichen Abschiebung, die ihn zurückkatapultierte in ein Leben ohne Seifenblasen.
„Ich denke, es ist keine gute Idee hierher zu kommen.“, das schrieb er uns am 17. Dezember 2015, als wir ihn an das KUNSTASYL-Versprechen erinnerten, seine Familie in Podujeva zu besuchen. Er ließ in seiner Nachricht Schwierigkeiten anklingen, die sich mit der Rückkehr verbanden und es schien, als wolle er durch nichts mehr an die zwei Jahre „Leben in ständiger Angst“ erinnert werden. „Ich habe meine Probleme, du hast deine. Glaub mir, es ist besser so.“ Damit brach der Kontakt zu Latif ab.
Nun standen Dachil und ich in der Hauptstrasse von Podujeva und überprüften die Preisangaben in den Byrektore und Kebaptore der Stadt. In großer Schrift wurden die Klassiker des Kosovarischen Fastfoods angepriesen: Bürek 20 Cent, Kebap 1 € - genauso, wie Latif uns immer just in dem Moment entgegengehalten hatte, wenn wir gerade in einen Döner für 3,50 € beissen wollten.
„Mein Zuhause Dyz“. Vom Hügel aus, wenn die letzten Häuser der Straße bereits hinter einem liegen, und entgegen jeglichen Gefühls, noch ein Stück gerade aus, dann die erste Abzweigung rechts. Bevor der Weg steil in eine Senke führt, empfängt ein Schild den Besucher: Lagija Veliu, die Nachbarschaft der Velius.
Fatime in Berlin wusste nicht, dass ihr Besitz an Hühnern anläßlich unseres Besuches um eines geschrumpft war und die „Pula“ nun als Gastmahl auf den Tellern verteilt wurde. Ihre Abwesenheit seit zwei Jahren änderte nichts an dem Status der 9-Jährigen, Herrin der Hühner auf dem gemeinschaftlichen Hof der Velius zu sein, ihr Bruder Omer blieb unangezweifelter Besitzer der Ziege.
Besitz ist ein großes Wort für wenig Hab und Gut. Feierlich führte Dona, die 15 jährige Schwester Bashkims, beim Rundgang durch Haus und Hof die Tiefkühltruhe und den mannshohen Kühlschrank vor. Das kühl Weiß der beiden dem Leben abgetrotzten Errungenschaften schimmerte im drämmerigen Flur.Wir schleckten Eis auf der Bettkante. Sollte der Asylantrag der Familie Bashkims abgelehnt werden, dann würden sie wieder zu fünft in dem Doppelbett schlafen: Bashkim, Fahrije, Fatime, Omer und Oldi. Ihre Privatsphäre wäre auf weniger Quadratmeter reduziert, als ihnen im Heim in Berlin, in Raum 109 mit seinen 25qm zustand. Was sie zurückgelassen hatten, lagert in Taschen und Koffern verpackt auf dem Kleiderschrank. Noch sind die Fragen von Mutter und Vater, den Brüdern Bashkims, Onkel und Tante nach dem Befinden der Familie, die den Lebensumständen im Kosovo zu entfliehen suchte, von Hoffnung geprägt. Noch hat das Bundesamt für Migration das Urteil nicht gefällt, die „Letra“, der Schicksalsbrief, trägt noch keinen Poststempel.
“Fatime...“, Wird der Name genannt, schwingt bei allen auf dem Hof Bewunderung mit für das Mädchen, welches schon in Dyz Klassenbeste war und in Berlin neben den Schulfächern auch noch das Asylrecht gelernt hat.
„Fatime...“ - es klingt, als könnte sie das Schicksal wenden.
Den Tag in Dyz dokumentierte die Dona, die Schwester Bashkims.
Die Zubereitung des Essens im Haus erfolgt mangels Strom bei Kerzenlicht. Der Herd wird mit Holz befeuert.























