Tschetschenien ist nicht Bullerbü
Er saust mit Fahrrad über den Hof. Die Haut des rothaarigen Jungen mit den feinen Zügen schimmert in der Dunkelheit. „Du leuchtest", rufe ich ihm zu. Er reisst ein Stopp, der Kies knirscht. Der Elfjährige ist der jüngste der vier rothaarigen Brüder. Mit Zweien und seiner Mutter lebt er hier, im HEIM.
„Weisst du, was das ist?“
Mit dem Zeigefinger der linken Hand streicht er über den rechten Unterarm. „Narben“, antworte ich ihm, „das sind Narben“. „Nein", rückt er meine Aussage zurecht. „Verbrannt“.
„Weisst du, was eine Bombe ist?“„Ja, das weiss ich.“
Tschetschenien ist nicht Bullerbü.
„Da war ich klein. Da war auch schon Krieg in Tschetschenien. In unserem Haus ist eine Bombe explodiert. Im Kinderzimmer auch.“ Er hebt jetzt die Hände vom Lenker, fährt über seinen Körper. „Eigentlich war alles verbrannt. Aber sie konnten es reparieren. Nur den Arm, den konnten sie nicht reparieren.“
„Und spielen, das tun die Kinder in Bullerbü. Fast immer. Sie gehen natürlich auch zur Schule und machen Spaß mit der Lehrerin, sie liegen im Heu und hüpfen im Heuhaufen. Sie klettern auf Berge und suchen nach Schätzen, sie verziehen Rüben und verkaufen Kirschen. Sie tanzen um den Mittsommerbaum, sie lesen dem alten Großvater aus der Zeitung vor, sie fahren Weihnachten zum Festessen zu Tante Jenny und laufen Schlittschuhe und fallen in den See. Die Hauptsache ist, dass ständig was passiert, und das tut es. "Mir tun alle Leid, die nicht in Bullerbü wohnen", sagt Lisa.“**
Und spielen, das tun sie auch in Tschetschenien-
Der Junge und ich bereiten zusammen die Schablone mit dem Motiv eines Fingerprints vor. Er besprüht eine Maskierfolie mit Kleber. Die Kugeln im Innern der Dose klackern. „Wenn die Dosen alle waren, weisst du, was wir in Tschetschenien damit gemacht haben? Wir haben sie kaputt gemacht. Mit den Kugeln kann man spielen“.
Die Augen blitzen auf.
Ich wünsch ihm Bullerbü.
* Wir Kinder von Bullerbü - Kinderbuch von Astrid Lindgren

















