"You are going to profit by experience",

11.04.2015 daHEIM

orakeln die Worte auf dem Papierstreifen aus einem Glückskeks.

Ich hatte mir den Zettel auf mein Projektbuch geklebt. Eine zweite Weisheit verheisst: "Change your thoughts and you change the world"

Nana schaukelt ihr Bier und schaut mich erstaunt an: "Was ist denn mit deinen Fusssohlen?". Die Filmemacherin hört sich Geschichten aus dem Kunstasyl an. Wir sitzen in unserer Stammkneipe in Neukölln.

Jetzt bei Kilometer 17 meines spontan zum Halbmarathon ausgedehnten samstäglichen Morgenlaufes erinnern mich meine Fusssohlen an das Kneipengespräch des vorangegangenen Abendes. Hatte ich vielleicht mehrfach auf die Empfindsamkeit der Fussohlen hingewiesen, weil Bodenkontakt und Gleichgewicht erschüttert waren und ich mich schwankend fühlte?

Der freundliche Morgenmensch hinter der Theke der letzten Tanke auf dem Weg ins Heim schob mir mit den Worten "Macht genau zwei Euro" den Milchkaffee über den Thresen. In vier Minuten würden Ruba und ich wie immer Dienstags unseren deutsch-arabisch Sprachaustausch geniessen. Eine Minute hatte ich dem Kauf des Kaffees eingeräumt. Ich starrte in die Leere zwischen abgeschabten Leder meiner Geldbörse. Ein "Ups" rollte über meine Lippen. Der Mann hinter der Theke lächelte. Ich schloss die Augen, versuchte es nochmal. Einzig die Leere blieb. Nicht mal die paar rumänischen Bani und das englisches Pfund, welche an die letzten Reisen erinnerten, klimperten einen Trost. Einzig ein 1-Dollar-Schein war mir verblieben.

Während wir gestern unter blauem Himmel Hochbeete bauten und die Rückseite des Bauwagens mit Flora und Fauna bemalten, hatte jemand schnell und gründlich meine Geldbörse entleert.

Ich wäre gerne nachhause gefahren.
Ich hätte gerne "Scheisse" geschrieen.
Der Klos im Hals verursachte mir leichte Übelkeit.

Ruba klatschte sich mehrfach in ihre Hände als müsste sie etwas aus den Handflächen reiben. "Weisst du", sagte sie, "ich habe einemal einen Kochtopf in der Küche vergessen. Als ich ihn später holen wollte, war er weg. Es gibt Leute hier im Heim, die klauen alles".

Die Geschichten vom Klauen und Stehlen hatte ich gehört. Was als gemeinschaftliches Eigentum zur Verfügung gestellt wurde, verschwand. "Du kannst es dann ein paar Tage später auf dem Flohmarkt in Neukölln zurückkaufen", hatte ein Bewohner gescherzt.

"Hau den Lukas" blitzt es in mir auf. Wer möchte glauben, bevor er es nicht selber erfährt.

Bei Kilometer 19 hebe ich den Kopf gegen den Himmel. الأزرق - Al asraq, blau. Ruba hatte mich noch die Farben gelehrt. Weggelaufen, den Schmerz und das Gefühl des Ausgenutztwordenseins.

Ich mache es Ruba nach, klatsche ein paar mal in die Hände und klopfe den Dreck ab. Meinen Fussohlen geht es hervorragend.