Liebe Therry

09.03.2015 daHEIM

Mein geliebter Kasten Polychromos Stifte wandert seit Tagen von Zimmer zu Zimmer.

Ich mag das. Der Kasten begleitet mich seit dreissig Jahren. Jetzt also hier im „HEIM“ - H A I M, so hört sich das eher an. Ein H A I M ist kein Haus. Sag ich "Haus", fragt Zineta nach. Zineta ist die Grossmutter von Melisa.

Sie hat ein florales Muster für die Bemalung des Bauwagens entworfen.

Die Vorlageblätter mit den Umrissen des Bauwagens, der zum Symbol des KUNSTASYLs werden soll, haben reissend Absatz gefunden. Von dem Stapel, den wir - strategisch günstig- auf dem Schreibtisch des Wachmanns platziert haben, war am anderen Morgen kein Blatt mehr übrig. "Haste nicht noch Kopien?", fragte mich Kevin Freitag früh.

Die Wand im Flur füllt sich mit den Entwürfen. Es gibt traurige und solche, die versuchen, dem neuen Land ein Freundschaftsangebot zu machen. Frau Markow hat fünf Blätter mit bunten Farbflächen bemalt, so prall von Farbe und üppig, wie sie und ihr Mann auch "ihr" Zimmer gestaltet haben. Die Fensterbänken sind besetzt von Vasen voller Plastikblumen, in einem Regal und auf dem Schrank stapelt sich das Spielzeug der Enkelkinder. Daneben in einem schönen Weidenkorb die Herzmittel für Milan. Während wir uns ihrem Zimmer unterhalten, holt Milan mindestens fünf Plastiktüten aus dem Schrank, prall gefüllt mit  Medikamentenschachteln. Eine Tüte pro Monat – seine Überlebensration. 7 Tabletten morgens, 7 abends. Sonst, so sagt er, stirbt er.

Während wir reden, fürchte ich um die Statik der Türme aus selbstgebackenen Krapfen, die sich auf drei Tellern in die beachtliche Höhe von 50cm schwingen – soweit ein „Schwingen“ bei all dem tröstlichen Fett möglich ist. Architektur gebacken. "Andere Länder", sagt Milan, "kenne ich aus Erzählungen". Sein Leben, das Leben seiner Söhne und inzwischen auch das seiner Enkelkinder, ist ein Pendeln zwischen Serbien und Deutschland. Er hat einen Antrag beim Sozialamt gestellt, um in diesem H A I M bleiben zu können. Es gefällt ihm. Ruhig ist es, die Waschräume sauber. Er wartet. Von Monat zu Monat. Mal wird der Aufenthalt um einen Monat verlängert, mal um drei, wenn er mal richtig Glück hat, um sechs.Dann hat sein Herz etwas Ruhe.

Sein Sohn verlässt Deutschland in den nächsten Wochen "freiwillig". Stoisch, sagt er das. Für ihn würde eine Ablehnung den nahen Tod bedeuten. Seine Medikamente kosten 300.- Euro im Monat . Wie sollte er sie bezahlen, wo er doch noch nie arbeiten konnte. Er wünscht sich einen neuen Wandanstrich für diesen 15qm Raum. Ich bin verblüfft. Das Zimmer ist voller Dinge, die mindestens 7/8 der Wandfläche verdecken. Mit Mühe erkenne ich dazwischen ein paar Flecken mit hellen Anstrich.

"Wir sind orthodoxe Roma, da ist es noch ein bisschen schwieriger in Serbien."

Frau Markow, sehe ich an diesem Tag mindestens fünf Mal mit dem Staubsauger durch die Gänge des H A I Mes eilen. Die Frequenz ihrer Staub- & Krümmelbeseitigung ist erstaunlich.

"Es gibt Flüge direkt von Erbil." Serdars Familie hat bei Verwandten in der Hauptstad des autonomen Kurdistans Zuflucht gefunden. Er hat für uns Mittag gekocht: ein Gericht aus Hackfleisch, Tomaten und scharfen Peperoni, dazu gibt es Chubs und Ayran. ( "Chubs" denk ich mir gerade, kann nicht allzuschwer zu schreiben sein. Mit meinem dreizehn Buhstaben, die mir Ruba in den letzten zwei Wochen zu frühmorgendlicher Unterrichtsstunde im H A I M eingebläut hat, müsst ich das schon hinkriegen.) Auf seinem Handy zeigt Serdan Fotos jener Dokumente, die ihm die Bundesrebublik ausgestellt hat und seiner Familie ein Nachkommen erlauben. "Erbil hat einen Flughafen". Wenn Frau und Kinder von der Türkei aus nach Berlin fliegen, dann werden sie vermutlich erst im Dezember landen. Zu lange für ihn, zu lange für alle, bei all der Angst, vor dem was passieren könnte.

Till wird ihn zur Ausländerbehörde begleiten.

Der Bauwagen hat seinen ersten Grundierungsanstrich erhalten. Naja, etwas Nachschleifen und – bessern wird schon vonnöten sein. Es sind die Vorbereitungen für das, was vielleicht das morgendliche Meeting ergeben wird. Um 14 Uhr wollen wir gemeinsam im Aufenthaltsraum über die Entwürfe sprechen und also das endgültige "Design" des Bauwagens als Symbol  des KUNSTASYLs sprechen

Sollte danach noch Zeit für weiteres Sein, fangen wir an Paletten auseinander zu nehmen.


Zeichnung von Dakel

Hausflur mit Entwürfen der Bewohner zur Bemalung des Bauwagens

Nachdenken über Entwürfe: Aymen | barbara

Entwurf von Ruzica

Zeichnung von Serdar

Faris und der Polychromoskasten

Zineta

Entwurf Zineta

Ruzica

Aleksandra | Melisa

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