Vom Homo fugatus und Homo arschlochus
Dachil hatte mit diesen Worten im Sommer 2015 die Mitreisenden im Fernbus der KUNSTASYLtours im Rahmen von 48Stunden Neukölln begrüßt.
Seither hat KUNSTASYL im Rahmen von Interventionen im öffentlichen Raum immer wieder Einheimische und Zuwanderer mit der Frage „SEH ICH AUS WIE EIN FLÜCHTLING?“konfrontiert.So auch während der Eröffnung der Ausstellung [da:HAIM] in den Räumen des Quartiersmanagments Spandau-Neustadt am 15.12.2015.
Aymen und Dachil standen mit ihren Schildern um den Hals gehängt vor der Tür, als zwei etwa 9-jährige Mädchen nach erstauntem Verharren und sorgfältigem Lesen, die Frage beantworteten:
Mädchen: Nein, du siehst nicht aus wie ein Flüchtling
Dachil: Was ist ein Flüchtling?
Mädchen: Ein Mensch, der aus dem Krieg kommt.
Dachil: Aber ein Mensch?
Mädchen: Ja.
Dachil: Aber wie sieht er aus?
Mädchen: Er hat immer was Kaputtes.
Am vergangenen Donnerstag tauschten wir die „alternative Schwimmweste“ von Serdar im Schaufenster der Ausstellungsräume gegen eine Installation von Muhammad Jasim aus: Zeichnerische Einblicke in die Lebenswelten Afghanistans und Pakistans zwischen den Sprossen von metallenen Bettgestellen.
Muhammad Jasim hat anderthalb Jahre in der Schweiz gelebt. Er kann abendelang frei über die Geschichte der Eidgenossen seit 1291 bis zum komplizierten Mülltrennungssystem von heute referieren. Ich als wenig geschichtliche Schweizerin hege dafür Bewunderung. Wahrscheinlich kennt Jasim sogar den Wortlaut des Bundesbriefes. Dieses nach der C41-beglaubigte Dokument aus dem 13.Jahrhundert gilt als Schweizerische Gründungsakte.
Die Schweiz wollt ihn trotzdem nicht behalten und wies den „Asylanten“ ab. „Asylant“ ist in der Schweiz eine durchaus gebräuchliche Alternativbezeichnung zum „Flüchtling“. Im Deutschen Sprachgebrauch gilt „Asylant“ als diffamierend. Seit den Progromnächten in Rostock und Lichtenhagen von 1992 steht das Wort auf der schwarzen Liste humanen Sprachgebrauchs. Manche wissen es nur noch nicht. Die viel beschworene "Flüchtlingskrise" kann allerdings auch eine "Asylantenflut" sein.
Liest man die spitze Glosse der Kolumnistin Güzin Kar, veröffentlich im Tagesanzeiger vom 12.2.2016, dann ist davon allerdings hauptsächlich einer bedroht, nämlich der:
"Homo arschlochus"
Güzin Kar über bisher unbekannte Tierarten – und bisher unbekannte Menschenarten.
"In den vergangenen Jahren wurden von Wissenschaftlern oder ambitionierten Laien einige bisher unbekannte Tierarten entdeckt, so zum Beispiel der Bassaricyon neblina, ein Waschbär-artiges Raubtier, das in den Anden lebt. Oder der in Australien beheimatete Saltuarius eximius, ein Gecko, der sich dank seiner braun-weissen Färbung und seinem platten Schwanz als Laubblatt tarnt und perfekt an seine Umwelt anpasst.
Und man entdeckte den Flüchtling, wobei sich hier die lateinische Gattungsbezeichnung erübrigt, da sowieso nur umgangssprachlich über ihn geredet wird. Fackelt ja keiner die Unterkunft des Homo fugatus ab. Wenn man sich durch die Blätter und Kommentarspalten liest, gewinnt man den Eindruck, als sei «Flüchtling» nicht bloss der temporäre Status von einem, der vor etwas flieht, sondern eine neue Art Wesen: Frau, Mann, Flüchtling. Oder Mensch, Tier, Flüchtling.
Jedenfalls ist er das Gegenteil des australischen Gecko. Er lungert in Gruppen in Bahnhöfen und Unterführungen herum, sein Schwanz ist nicht platt und unauffällig, sondern spitz und agil, ausserdem verfügt er über zwei Dutzend Hände, mit denen er nach blonden Frauen tatscht – seine bevorzugte Eiweissquelle –, und er passt sich ganz und gar nicht an seine Umwelt an, sondern verpestet diese geradezu mit seinem Flüchtlingskram.
Weibliche Tiere fallen vor allem durch ihre Abwesenheit in der freien Wildbahn auf, weil sie von den Männchen der eigenen Gattung in Lagern oder am heimischen Herd festhalten werden, weshalb Flüchtlingsfrauen meistens nicht einmal sprechen können, schon gar nicht für sich selbst. Männliche Flüchtlinge machen Ärger, weibliche leiden, was aber auch egal ist, da allein der Ausdruck «Flüchtling» bei vielen zu Gähnattacken aufgrund Übersättigung führt. Wie anders ist es zu erklären, dass die Meldungen über Anschläge auf Asylunterkünfte kaum einen hinterm Ofen hervorlocken, während jedes vom Baum gerettete Büsi zu Tränen der Rührung führt?
Mein Bekanntenkreis besteht seit jeher zu einem nicht unerheblichen Teil aus ehemaligen Flüchtlingen. Vielleicht zur Hälfte, vielleicht auch mehr oder weniger, ich weiss es nicht, da ich nie auf die Idee kam, nachzuzählen. Es sind Menschen, die irgendwann aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden und heute Filmer, Psychoanalytikerin, Sozialarbeiter, Mutter, Vater, Nachbar, Trottel, Lehrerin, arbeitslos, Elektrikerin, IV-Bezüger, Liebhaber einer Freundin, Ex-Mann oder Cheflektor sind. Was man halt so ist. Ihre Flucht und deren Gründe sind Teil ihrer Biografie, aber nicht unbedingt und in jedem Fall der bestimmende.
Doch über sie wird oft gesprochen, als hätten sie nichts ausser dieser einen Station im Leben vorzuweisen und als seien sie immer noch auf der Flucht und ergo nie wirklich hier angekommen. Natürlich beschäftigt sich jemand, der noch auf seinen Asylentscheid wartet, intensiver und unmittelbarer mit seinem Aufenthaltsstatus als jemand, der seit 20 Jahren hier lebt. Aber wir scheinen zu vergessen, dass jene, die heute als Flüchtlinge zu einer gesichtslosen Masse von Parasiten gezählt werden, morgen unsere Psychotherapeuten sein könnten. Oder Ehepartner. Oder Mitarbeiter. Bitte, hören wir auf, Flüchtlinge als eine Kategorie Mensch anzusehen. Es sei denn, wir wollen Homo arschlochus sein."
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)/ (Erstellt: 12.02.2016, 15:35 Uhr)
Die Ausstellung mit der Installation von Muhammad Jasim ist noch bis 31.3. im Quartiersmanagement Spandau-Neudtadt, Kurstraße 5, 13585 Berlin zu sehen.









