"Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen." * | Ein Fingerprint in Bulgarien
Es ist 9.07 und die nüchternen Worte erwärmen die Atmosphäre des Aufenthaltsraumes nicht gerade. Ich hänge noch der Frage nach, wie viele Deutschmuttersprachler wohl diese Firmenrechtsform korrekt benennen könnten, da überspringt Ruba bereits im zweiten Anlauf die Buchstabenhürde eines "G a b e l s t a p l e r f a h r e rs". Die Frau, die vor wenigen Monaten aus Damaskus nach Deutschland gekommen ist, lacht bejahend, als ich mich vorsichtig erkundige, ob sie denn wisse, was ein Gabelstapler sei. Auf zehn Zeilen Text ist dem Verfasser des Deutschlehrbuches Niveau A1/A2 bis B1 eine erstaunliche Ansammlung von Worten aus dem Sprachschatz des Landes der Dichter und Denker gelungen. Um 9.11 ergänzen "Betriebsrat", "Gewerkschaft" und die Formulierung "Teilzeitjob in der Kantine" das glanzlose Stück Prosa. Dass der Text auf lieblich gelbem Untergrund steht, macht die Sache nicht besser. "Waaas?" Ruba ist irritiert. Ich hatte ihr meine Meinung über dieses Lehrstück mitgeteilt und sie wissen lassen, "der Text sei blöd". Ruba kann nicht nur sprachlich den Gabelstaplerfahrer vom Betriebsrat unterscheiden, sie kennt sich auch in den Finessen des deutschen Finanzwesen mit seinen Lohnsteuerkarten, Steuerberatern und Steuererklärungen aus. Nur die Worte blöd oder doof hat sie noch nie gehört. Zum Glück versteht sie das englische stupid.
Die 37jährige ist von Beruf Arabischlehrerin. Eine Akademikerin, bei der schon die Vorstellung von Tätigkeiten wie Stricken, Häkeln oder sonstigem Heimwerken das pure Entsetzen auslöst. Möge ihr das Ankommen in Deutschland die Umschulung zur Gabelstaplerfahrerin oder den Teilzeitjob in der Kantine ersparen.
Wir tauschen die Rollen. Ich schreibe mein erstes Arabisch-Wortdiktat.
11.30 Serdar und Therry haben ihren Arbeitsplatz draussen eingerichtet. Es wird wärmer, der Himmel erblaut. Die Stimmung an diesem Dienstag ist niedergeschlagen. Vielleicht empfinden die Menschen hier angekommen, am Wochenende Verlust und Trauer noch stärker, als an den Wochentagen. Ein kleines Mädchen wirft uns eine Kusshand zu. Die sechsjährige Tochter von Serdar ist uns über Skype live aus Erbil zugeschaltet. Seinen jüngsten Sohn hat Serdrar noch nie im Arm gehabt. Der 5 Monate alte Junge kam zur Welt, da war der Vater schon geflohen. Wir winken zurück.
Hameed hat Angst. Die deutschen Behörden haben ihm mitgeteilt, sein Fingerabdruck sei in Bulgarien registriert. "Ich hatte keine Chance", sagte er, "sie haben mich verhaftet". Jetzt fürchtet er, der von Afghanistan zufuss gekommen ist, eine Abschiebung. Alle bemühen sich um Beruhigung. Etwas erholt, humpelt er am Nachmittag auf seinen Krücken zu unserer Werkstatt. "Ich möchte so gerne deutsch lernen", lässt er uns wissen. Das Wort "Fahrradkarte" kennt er schon. "Lern nicht Deutsch", jokt sein Zimmermitbewohner zurück, "lern Bulgarisch, das bringt dir mehr". Wir lachen alle. Der Himmel über den bewölkten Seelen ist heiter, Ton in Ton mit dem Anstrich der Frontseite des Wagens.
"Kannst du überhaupt kochen?", fragt mich Aymen, als er beobachtet, wie ich erfolglos versuche den Mixer in Gang zu setzen. Rihana hat unsere 3Kg Karotten geschält, wir wollen eine Suppe kochen. Die Küchengeräte haben wir uns bei Hisam und Ibrahim geliehen. Es ist Spätnachmittag als wir an den Paletten unsere Baustellenmahlzeit löffeln.
16.30 wir sezten uns zu einer Besprechung zusammen. Die SPD Spandau hat zum Frühjahrsempfang geladen. Wir planen einen ersten performativen Auftritt.
* Goethe, Maximen und Reflexionen; II.; Nr. 23, 9

















