"GESCHICHTE AUF PORZELLAN" // “DER FRIEDE IN DER GARAGE ”
Ich bin in Kaliningrad. Gerade feiert die Stadt ein dreitägiges Friedensfest auf der Dominsel, einem der wenigen Orte im Stadtgebiet, wo ein Gebäude mit Mauern, die älter als 70 Jahre sind, überstanden hat. Auf dem Weg dahin fällt ein gepflegter Platz zwischen zerschundenen, verschorftenHochhausfassaden auf. Er ist nicht im Rahmen von Stadtteilsanierungsmassnahmen neu gepflastert worden. Er ist so schön und gepflegt, weil er ein sowjetisches Ehrenmal trägt. „Die Heimat erinnert sich“ steht an der Wand. Für die Ewigkeit. In Beton. Auf dem Platz erhebt sich ein Torpedo in die Lüfte, als hätte es sein Element endgültig überwunden, getragen von den Seelen derjenigeas man, die ihr Leben dem Land geopfert haben.
Den Gefallenen der Kriege in Afghanistan, Tschetschenien, Kuba, Syrien, in Einsätzen in Ägypten, Yemen und dem Libanon, Kambodscha und Vietnam – um nur einige, der in Marmor verewigte Kämpfe zu zitieren- ist ein Mahnmal im Eingangsbereich einer Grünanlage gewidmet, die zum Lunapark führt.
Stadteinwärts säumen die Scherben der Geschichte der Stadt- sorgsam ausgebreitet auf Decken- die Strasse. Das Gedächtnis von Königsberg findet sich auf zerbrochenem Porzellan und Glasflasche, und wird zum Kauf angeboten.
In Scherben zersplittert funkeln auch die Überreste des Inventars jenes Damaszener Salons, der einst Wohnzimmer von Housam, Ruba, Khaled, Sham und Nour war, auf einem Handyfoto. Das eigene Leben wird zur Ausgrabungsstätte um Gedächtnis zu bewahren.
Ein, gegenüber den russischen Kriegsdenkmälern bescheiden anmutendes Memento, ist auch das Foto, welches zwei Jungen in gelben Schwimmwesten zeigt. Der Ältere legt schützend den Arm um den Jüngeren. Es sind Mohamed und Zajin unmittelbar nach ihrer Seerettung. MohmmAd und Zaij leben mit ihrer Mutter Hijba in einem Hotel, während Mazin, der Vater, daHEIM lebt.
Auch von ihnen schreibt Dakel in seinem Text mit der Überschrift DER FRIEDE IN DER GARAGE.
Er könnte auch heissen „Vom Wohnen in HEIMatlosigkeit“, „Das große Vermissen“ oder einfach „Schmerz“.
„Noch nie seit die Famile Zaibak im HEIM lebt, ist Tasnim so spät am Tag im Hof erschienen“, bemerkt Dakel eingangs um anschließen zu lassen, dass Aymen und er die allseitig gestellte Frage nach meiner Rückkehr unentwegt mit dem Verweis auf die nächste Woche beantworten würden, sie aber trotzdem stetig aufs Neue gestellt werde.
Die Kids hätten sich einige Fotos mit meinem Bild geschnappt und Samah sei mit der Aufforderung zu ihm gekommen, mich anzurufen und mich zu bitten daHEIM zu kommen. Daran anschließend zitierte er die Fragen Mohammad Zaibaks:
“Warum sind wir nicht eine Familie?
Warum helfen wir nicht einer dem anderen?
Warum entwickeln wir keine grosse Ideen und
warum machen wir daHEIM nicht zu unserem Zuhause?”
Dakel erzählt weiter, wie Hjiba mit Mohamed und Zajin zu Besuch gekommen ist und wie Mohamed – also Mazin's Mohamed – sich nach dem Spiel mit den Anderen auf einen Stein gesetzt habe, weinte und fragte:
“Warum gehen alle weg?
Warum kümmert sich keiner?
Warum liebt mich keiner?“
Liebst du mich auch nicht?“, habe er dann Qais gefragt und
„Wo ist Barbara?“
An dieser Stelle sei Mohameds Weinen versiegt – mit einem Lächeln hätte er gesagt: „Ich komme nächste Woche wieder und dann machen wir einen neuen Plan“.
Anatol arbeitete währenddessen ununterbrochen an der Kommode, schreibt Dakel. Seine Antwort auf alle Fragen sei das Wort „control“. Selbst wenn Aymen ihn zur Pause aufforderte und zu einer Tasse Kaffee einlade, sei die Antwort: „ Nein, control“.
Als er, Dakel, zur Garage gegangen sei, um die Kamera zu holen hätte Anatol ihn gestoppt und mit einem Summen und Lächeln auf eine Taube gezeigt: “gut ----------- control”.
„Ich wusste nicht, was „control“ bedeuten soll“, endete Dakel, „bis Aymen in die Garage kam, die Taube sah und sagte: 'Der Friede in der Garage'“.
Nachsatz:
In einem Gespräch merkte Dakel an, das Khaled, der seit einigen Wochen nicht mehr im HEIM wohnt, zu Besuch gekommen sei. Er habe zu anderen Kindern gesagt, "Spielt doch einfach, spielt. In meiner Wohnung habe ich einen Fernseher und einen Computer. Aber ich habe keine Freunde."
"Dann", schloß Dakel," hat er mich dreimal gefragt, ob kein Zimmer frei sei. Er würde gerne daHEIM zurückkommen."




