Utopia

25.05.2015 daHEIM

Gazi, Endrit und Bashkim gewidmet, die ihre vorabendliche Ankündigung „Morgen nicht essen - arbeiten“ in die Tat umgesetzt hatten und mit Sonnenuntergang das Blumenkasten Modell „Heilbronn“ Gestalt werden ließen.

Während die Blumenkastenbrigade sägte und schraubte, hatte ich mit den Kindern eine „anziehbare“ Sitzauflage für den Palettenstuhl genäht. Die Liege ist seit Wochen Lieblingsplatz von Khaled II, einem Syrer, dem es davor bangt, nach Italien abgeschoben zu werden. Sein „Fingerprint“ wiegt schwer als Beweisstück in der Anhörung vor Gericht. Erlaubt es das Wetter, kommt Khaled mindestens dreimal am Tag in den Garten und ruht sich aus. „Wenn er in diesem Stuhl liege, fühle er sich ans Meer erinnert und an Syrien. Bis nachts um halb zwei hätte er hier schon gesessen.“

Der Tag ist sonnig, wolkenlos. Der bunte Sonnenschirm, ein innerhalb der letztjährigen Ausstellung heimisch entstander Artefakt, vervollkommnet die illusionistische Vorstellung einer sorgenfreien Umgebung.

Als hätte Christopher Kolumbus gerade die Küste Bahamas entdeckt, schallt plötzlich Bashkims euphorischer Ausruf „DUBAI!“ über den Hof – Exklamation der Begeisterung, hervorgerufen durch eben jenen Sonnenschirm, umgeben von einer Spiellandschaft und dem Liegestuhl aus Palettenholz.

Da erinnere ich mich an die beiden Damen, die am 29. April als erste aus dem Grüppchen der Stammgäste von Thoben die Straße überquert hatten und vorsichtigen Schrittes in unser Gärtchen getapst waren. „ Du sprichst“, spornte die eine der beiden in fast identischen Jeansanzüge gekleideten Besucherinnen, ihre Freundin an.

Während diese also sprach, machte es sich die Schüchterne im Liegestuhl gemütlich. „Sie hätten uns über Wochen zugeschaut und jetzt wollte sie einfach mal sagen, wie schön sie das fänden und bitte, wir sollten doch vielleicht ein Schild am Eingang installieren, dass man uns besuchen dürfte. Man sei ja doch unsicher“. Sie unterbrach meine Bemühungen ihr den Hintergrund des Projektes zu erklären. „Sie sei eine einfache Person“, hob die Frau Mitte 50 an, „abends schaue sie regelmäßig eine Folge der Serie „UTOPIA“. Sie hätte uns lange zugeschaut und in der täglichen Veränderung das Sichtbarwerden einer Utopie erkannt. Das hätte sie sehr berührt. Nur das wollte sie uns sagen“. Die beiden Damen verabschiedeten sich.

Während ich schreibe, mailt mir Carina, unsere Übersetzerin, die englisch Fassung eines Textes zu.

In ihren begleitenden Worten steht folgendes: "Gestern Abend waren wir zum Abendessen in Charlottenburg eingeladen. Als wir gegen 1:30 Uhr wieder auf die Straße traten, kam eine junge Frau auf mich zu. Sie war ziemlich aufgeregt. "Sehe ich aus wie eine Asylantin" hat sie mich gefragt und auf meine Gegenfrage "Wie sieht eine Asylantin aus?", fragte sie erneut "Sehe ich aus wie ein Flüchtling?" Es stellte sich heraus, dass sie - in Berlin geboren als Tochter türkischer Eltern - beim Karneval der Kulturen, als sie Einladungen für ihr eigenes Kunstprojekt verteilen wollte, immer wieder für eine Rumänin gehalten wurde, die mit kleinen Zetteln um Geld bettelt. Wir haben noch eine Weile mit ihr auf der Staße gestanden und geredet. Über Heimat und Herkunft, über Sprache und Zugehörigkeit. [...]. Eine wilde Geschichte, die mich vor dem Einschlafen noch sehr beschäftigt hat."

Vielleicht sollte ich diesen Eintrag umbennen und statt der Utopie doch besser „Dem unbekannten Flüchtling“ widmen.

Bashkim | Endrit | Gazi

Gazi | Aymen

Aymen | Gazi

Gazi | Aymen

Aymen | Gazi

Endrit

Anziehbare Sitzauflage für Khaled II

Grundriss Blumenkasten Modell "Heilbronn"

Tuana

Khaled

Bashkim

Gazi | Bashkim | Aymen

Bashkim

Khaled | bc

Gazi | Aymen | Endrit | Latif | Bashkim

Ayjza

Gazi | Endrit

Aymen | Bashkim | Fatime | Omer

Gazi | Aymen | Shabban

Sham

Omer | Bashkim | Fatime | Aymen | Gazi