Von Sprewanen, Hevellern und einem Jesiden
Am 23. Januar 2016 sind die Spuren dieser Hoffnung der Erstbesiedler von Hohenschönhausen von Schnee bedeckt, die Fenster der Neubausiedlung im Ostseeviertel weisen dunkel den Blick zurück, der graue Himmel blendet die Suche ab, wirft den Betrachter zurück an die Fassaden.
Es waren die Sprewanen und Hevellern, die, lang-ist's-her, hoffnungsvoll ins Berliner Land kamen und das Dorf Alt- Hohenschönhausen gründeten - Zuwanderer der ersten Völkerwanderung im 7. Jahrhundert.
Heute würden sich die Angehörigen dieser beiden slawischen Volksstämme in die Schlange vor dem LaGeSo einreihen und abends müde von der Turmstraße in ihre provisorischen Unterkünfte zurückkehren. Ich weiß von ihnen soviel wie ich vor einem Jahr von den Jesiden wusste: schlichtweg nichts.
Da habe er nach der Adresse gefragt, Dachil's ausgetreckter Arm weist auf zwei rote Punkte, die an einer fernen Hausecke einen Leuchtpunkt setzen. Die Verheißung der zwei Lampions erschöpft sich in der Möglichkeit eines Mittagessens aus süß-saurem Schweinefleisch.
„Klützer Straße 42“ stand am 23. Januar 2015 Jahr auf einem Zettel, mit dem ihn die LaGeSo-Mitarbeiter in das Ostseeviertel geschickt hatten. Zwei Turnhallen waren am 8. Januar 2015 als Notunterkünfte in Betrieb genommen worden. Er war einer von mehr als sechzig Bewohnern, die sich einen Schlafplatz in der Sporthalle teilten. Die zweite Halle war für Familien reserviert.
Ab und zu wurde vor der Unterkunft demonstriert.
Die Notunterkunft wurde inzwischen wieder geschlossen, durch fehlerhafte Handwerksleistungen während der Zwischennutzung kann sie noch nicht wieder als Sporthalle benutzt werden.
Wir schauen durch den Zaun. In dem zugeschneiten, verwilderten Hof erkennt man eine Türe. „Da war Hygieneausgabe“, sagt Dachil. Er schreitet ein paar Meter vor dem Gebäude ab: „Hier Toiletten“.
Eine Frau schiebt ihren Kinderwagen an uns vorbei. Ob sie wisse, ob das Gebäude hier mal eine Unterkunft für Menschen auf der Flucht gewesen sei? Sie entgegnet freundlich, dass sie das wisse, aber darüber hinaus könnte sie keine Auskunft geben.
Ich wusste übrigens auch nicht, dass die ersten Siedlungsfunde auf Hohenschönhausener Gebiet aus der Bronzezeit stammen.
In einem Text, in dem Dachil im April 2015 sein Ankommen festhielt, schrieb er:
„An meinem ersten Tag [Anm.: in Berlin] kam ich in das Heim in Hohenschönhausen, am Eingang hielt ich inne‐ ich öffnete Google Maps um zu prüfen ob dies wirklich die großartige Stadt Berlin ist und leider war es der Fall".
"There is no Norway, even in Norway", so der Slowenische Philosoph Slavoj Žižek in seinem Essay zur europäischen Krise in der Zuwanderungspolitik. „They [Anm: die Asylsuchenden] will have to learn to censor their dreams: Instead of chasing them in reality, they should focus on changing reality"1
Changing reality – Einer versucht es: Dachil, angekommen in Berlin Hohenschönhausen am 23.1.2015
* https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Alt-Hohensch %C3%B6nhausen / entnommen 25.01.2016
1 Slavoj Zizek: "We can’t address the EU Refugee Crisis without confronting global capitalism", Zitiert aus Larissa Hermanns "Der Himmel des Du und die Winde der Ursächlichkeit; oder wie wahre Kommunikation die Welt verbessern könnte", Position Paper 2016







