„Wenn Dasein Wohnen bedeutet, bedeutet das Nicht-Wohnen nicht mehr zu sein.“

03.12.2018 daHEIM

Durch die Einhegung mit Baustellenzaun wird der Blick getroffen von der schonungslosen Optik der weißen Container. Es ist keine physisch massive Grenze, die das städtische Naherholungsgebiet des Flugfeldes von der Siedlung trennt.

Und trotzdem: Beobachtet man das Wach- & Sicherheitspersonal, wie die Männer zu zweit ihre Runden entlang des Zaunes drehen, leicht erhöht auf einem ungefähr 70cm hohen Mäuerchen, wenn man in den leeren Himmel schaut und hinter sich die Weite des Feldes weiß, dann symbolisiert diese Grenze nicht Schutz, sondern Zurückweisung. Der Gedanke an Internierung lässt sich schwerlich verdrängen.

„Es ist besser hier“, sagt Jasim, während wir über den Asphalt zur Container 18.3. gehen, vorbei an einem Spielplatz, der weniger auf abenteuerliche Entdeckungsfreude ausgerichtet ist, als auf ein Pendeln in der Zeitlosigkeit.

Der Wind bläst. Die nackten Füße von Jasim stecken in FlipFlops, auch die Waden unter der Dreiviertel-Shorts zeigen bloße Haut. Die Hände hat er in den Taschen seiner Winterjacke versenkt, die Kapuze bleibt tief ins Gesicht gezogen. Er ist gerade aufgewacht. Nachtarbeit.

An der Schnittstelle zwischen drin und draußen, die in ihren Abläufen und Funktionen, ihrem gesamten Wesen und selbst optisch einer Grenzkontrolle entspricht, herrscht Bewegung. Die Menschen, die das Gelände verlassen, wenden sich zielstrebig Richtung Innenstadt. Die meisten wechseln noch im Dahinschreiten ein paar Worte dem Personal.

Ist man „drin“, entschwindet unmittelbar die Vorstellung des Draußens. Wie schafft es eine durchlässige Architektur eine solche Hermetik zu erzeugen?

Eine Ansammlung von Containern, in denen Menschen wohnen, bilden kein Dorf. Der Ausdruck „Container-Dorf“ ist eine Verbrämung. Dörfer sind Orte des Bleibens. Ihre BewohnerInnen suchen die Verwurzelung in der Umgebung, sie pflegen das Land, kultivieren Haus und Garten: Das Dorf bettet Wohnen in eine Landschaft ein.

Hameed serviert Tee. Der erste süße Schluck narkotisiert die Gegenwart, Erinnerung schwappt über den Tassenrand, Bilder tauchen auf und lösen sich in der süßen Gischt des Tees wieder auf, versinken auf dem Tassengrund. Empfindungen breiten sich aus, nehmen das Innere in Besitz, erwecken das Gedächtnis an die Jahre 2015 – 17, Zimmer 213 im ehemaligen Gesundheitsamt, Staakener Straße, Spandau.

Die Beine ausgestreckt, die Füße über der Bettkante baumelnd, den Rücken an die Wand gelehnt – so saß ich auf dem Bett von Jasim, wenn wir ihn, Hameed und Tscha-Tscha zum Tee trinken besuchten, uns aufwärmten, ausruhten, Besprechungen abhielten, Pläne schmiedeten. So sitze ich heute im Container 18.3.. Noch immer fühle ich Unbehagen, mich in Straßenkleidung, die die losen Spuren und Partikel des Tages enthält, auf die Bettwäsche zu setzen, in der der Gastgeber schläft. Jasims Bettwäsche ist farbig mit Motivdruck.

Der Container ist die desillusionierteste Form einer Unterbringung. Der Container ist ein Frachtbehältnis. Seine Bestimmung ist der Transport von Ware, nicht die Behausung von Menschen. Wohnen im Container ist eine Zweckentfremdung, zumindest eine Umdeutung seiner Funktion. Der Container ist die Architektur einer Rhetorik, die Menschen nach Seenotrettung als „Menschenfracht“ bezeichnet.

Ein Container hat kein Fundament, er ist Ausdruck von Mobilität, Transport, Handel. Der Container ist genormt. So lässt er sich stapeln und je nach Bedarf zu Formationen türmen.

Der Container ist ein Provisorium. Seine Orte sind Umschlagplätze, Häfen oder Baustellen.

Im Gegensatz zum Bauwagen hat er keine Räder. Selbsttätigkeit und autonome Bewegung sind ausgeschlossen. Beim Verladen baumelt der Container am Kran.

In den Schlaf-/ Wohnräumen von Jasim und Hameed dienen jeweils zwei Metallspinde der Unterbringung von Hab und Gut. Jasim hat den einen mit einer Backsteinmotivfolie beklebt: ein zum Scheitern verurteilter Versuch mittels einer Klebefolie eine Steinwand zu errichten. Häuslichkeit muss imaginiert bleiben. Die gesichtslose Atmosphäre der Räume ist trotzdem nicht unangenehm. Im Vergleich zu den ehemaligen Büroräumen der Unterkunft in der Staakener Straße, die mit abgetretenen Teppichen empfingen, deren Muster sich als Schmutzspuren erwiesen, wirkt das Containerinnere licht und unbelastet. Kein Siff klebt an den Wänden, nichts deutet auf VorbewohnerInnen hin. Zu zweit in einem Raum wäre es eng. So bleibt genügend Fläche für ein paar Schritte auf und ab und Luft zum Atmen. In der Staakener Straße drangen stets die Düfte aus den Küchen in die Zimmer. Schritte und Stimmen durchpulsten Tag und Nacht den Flur, unablässig wurde an Türen geklopft. Hier ist es stiller, vielleicht auch konfliktärmer, vielleicht einsamer. Es könnte auch eines dieser Motels sein, die man tief in der Nacht auf Durchreise froh ist noch gefunden zu haben, und am Morgen, die Augen eben erst geöffnet, wieder verlässt.

Hameed lehnt im Türrahmen, der die beiden Wohneinheiten durch einen Flur, die gemeinsam genutzte Dusche und Toilette verbindet.

Die Schwere der Jahre hat seinem Körper Gewicht verliehen.

Es ist angenehm warm. Wir lachen viel und fliegen mit dem Container zu Tscha-Tscha, dem dritten im Bunde. Ein immer freundlichen Mann aus Pakistan, der freiwillig zurückgekehrt ist und jetzt in Kushab, der Stadt des süßen Wassers, ein Geschäft betreibt.

Hameeds Worte sind von bitterem Geschmack: „Sie spielen mit unserem Leben.“ Jasim und Hameed, die beiden Schicksalsfreunde, kommen aus Afghanistan. „Dein Land braucht dich“, ließ der Betreuer auf dem Sozialamt Hameed wissen. Deutschland hat ein Rückführabkommen mit Afghanistan geschlossen. Jetzt, wo es kälter wird, schmerzt ihn das Bein wieder - Folgeerscheinungen einer Knieverletzung durch einen Sprung vom Dach auf der Flucht vor den Taliban 2014. Hameed ist jetzt 27 Jahre alt, Jasim 33.

Nach drei Jahren der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer guten Arbeit sind die Kräfte erschöpft, die Hoffnung bröselt. Jasim arbeitet auf Minijob-Basis in einem Dönerladen in Pankow, Hameed jobt in einem Spätkauf in Moabit. Beide arbeiten nachts.

„Ich mache alles, aber erst mal die Papiere.“

Solange bleibt der Zustand schwebend.

„Wer in einem Heim oder Container untergebracht ist, wohnt nicht.“ So urteilte 2014 das Verwaltungsgericht Berlin, 2017 bestätigt vom Bundesgerichtshof.

Der Container ist also ein Ort des Nicht-Wohnens. „Wenn Dasein Wohnen bedeutet, (in der germanischen Sprache buan), bedeutet das Nicht-Wohnen nicht mehr zu sein.“ Es trifft dies jenen, „der nicht mehr willkommen ist, der seines spezifischen Raumes und somit seiner Identität beraubt ist.“ (Paul Virilio)

Einen Metallspind gab es auch in Zimmer 213 in der Staakener Straße. An der einen Tür hatte Jasim eine Bleistiftzeichnung, ein Portait Nelson Mandelas befestigt. Er hat es mit einem Zitat überschrieben:

„Der lange Weg zur Freiheit“.

 

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Hameed und Jasim lebten von 2015 bis 2018 im Heim in der Staakener Strasse in Berlin- Spandau. Sie haben KUNSTASYL entscheidend mitentwickelt. Hameed bewohnte 2015 Zimmer 7. Dachil Sado widmete ihm eine Rolle in seinem Text  Jasim, der sehr begabte Zeichner, hat seinen langen Weg von Afghanistan nach Deutschland in der Ausstellung 'daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben'  im Museum Europäischer Kulturen auf 17 Meter Wandfläche rekonstruiert.

 

KUNSTASYL_caveng

'Nicht-Wohnen' - Container-Siedlung Flugfeld Tempelhof