"What about Love"
Latifs Hände lagen im bescheidenen Spotlicht der Nähmaschine. Entlang eines Küchentuches seiner Mutter übte er nähen. Das Tuch hatte die Flija1 warmgehalten, die er um zwanzig Uhr dakel und mir zum Abendbrot auf den Hof gebracht hatte.
Im Lichte also der untergehenden Sonne saßen wir zu dritt am Tisch vor dem KUNSTASYL , im Lichte der untergehenden Sonne fragte Latif „Wie ist das mit Liebe?“.
Ich wünschte, aus einer Jukebox würde es zu den Klängen von Purple Rain Glaube – Liebe - Hoffnung auf uns regen und ich hielt mein Pamphlet für die Größte unter ihnen.
Latif lächelte mit dem einen Mundwinkel und grinste mit dem anderen.
Der weitere Inhalt unseres Gesprächs zu diesem Thema unterliegt der Selbstzensur.
Insistierend fragte Latif abschließend noch einmal „ … and you dakel? What about love?“ Der Befragte vertagte seine Antwort.
Das Tun und die Stunden dieses Tages wurden getragen von den weiten Bögen eines Adagios. So viele Menschen wie noch nie hatten das Gelände betreten und sich nach dem Ort und uns erkundigt. Die unruhigen Blicke der Bewohner im Anblick eines anrollenden Polizeibusses waren unbegründet. Die Freunde und Helfer in Uniform wollten schlicht mehr erfahren über KUNSTASYL. Für ein gemeinsames Tässchen Kaffee reichte die Zeit leider nicht, aber die quietschenden Reifen gaben eine hübsche Begleitmusik zu ihren enthusiastischen „das ist cool“ - Ausrufen.
Ein Spandauer Musiker sah einen neuen Veranstaltungsort entstehen und reagierte einigermaßen verblüfft, als er auf seine Frage, „Was ist das denn?“, die Antwort, „das ist ein Heim für Geflüchtete und Asylsuchende“ erhielt. Eine Nachbarin aus dem Brunsbüttler Damm fragte um Rat, da sie mit der Situation in ihrem Wohnhaus durch die Zuweisung von Romafamilien und einer Überbelegung des vorhandenen Wohnraumes nicht mehr klarkam. Eine weitere Anwohnerin bot uns eine Ladung Holz an.
Süß und stark war der Kaffee gewesen, den mir zu Tagesbeginn Ramiza serviert hatte. Wir saßen an eben diesem Tisch vor dem KUNSTASYL. Es blieb nicht mehr viel Zeit für ein Gespräch mit dem jungen Paar aus Bosnien. In wenigen Tagen würden Zlatan und Ramiza mit ihrer kleinen Tochter„freiwillig“ nach Tusla zurückreisen. Ihr Asylantrag war wie erwartet abgelehnt worden.
Zineta allerdings hatte an diesem Morgen keine Muße zum Übersetzen des Gespräches. Außer Atem stand sie vor uns, das lange Haar offen über ihre Schultern fallend, in Gedanken bereits bei ihrem Mann im Krankenhaus, atemlos von all den Problemen, die sie bedrückten und die sie zu bewältigen versuchte. Weghastend zog sie noch schnell ein pinkfarbenes Haarband aus der Tasche. Sie würde Melisas Haar am Abend damit zum Dutt binden – Festtagsfrisur für die Hochzeit des Sohnes ihres Bruders.
Wir nahmen unser Tagwerk auf. Gordon's zarte Tomatensprösslinge mussten gepflanzt werden (Latif), Polsterbezüge für die Gartenmöbel genäht (barbara), der Sonnenschirm repariert (dakel), der Blumenkasten „Heilbronn“ geschliffen (Endrit und Gazi), Besorgungen im Baumarkt standen an (dakel) und neue Druckstempel mussten geschnitten werden.
Till erholte sich langsam vom gestrigen Tag. Während KUNSTASYL vertreten durch Abd Elrahmann, Mohamed Firas, dakel und Hameed zu einer Begegnung mit der Bundesjugendministerin Manuela Schwesig und der Presse geladen waren, hatten sich Aymen, Therry und Till an der Basis durch einen kalten Tag unter regenschweren Wolken gekämpft. Tage, die an den Kräften zehren.
Hameed brachte uns seine Post. Er, 23Jahre alt, der von Afghanistan hierhergekommen war, mit einer Knieverletzung, deren postoperativer Genesungsprozess noch andauerte, Hameed sollte sich nun auf die Abschiebung nach Bulgarien gefasst machen. Der Bescheid war erlassen worden nach den geltenden Regelungen von Dublin II & III. Auch Raffa würde Berlin bald verlassen. Der junge Iraker sieht es als Glück im Unglück. Seinen Fingerprint in Oesterreich bezahlt ihm Deutschland mit einem Ticket nach Wien.
Als die Sonne höher stand legte sich Khaled II wie immer für eine Stunde in den Palettenliegestuhl. Am kommenden Montag wird er operiert werden. "Danach - Polizei, Abschiebung, Rückreise nach Italien." Jedem, der sich über das Asylverfahren in Deutschland beklage, wünsche er die Erfahrung, in Italien um Asyl zu ersuchen. Kein Essen, kein Geld, keine Kleidung, keine Wohnung. "Wo soll ich schlafen, wenn sie mich zurückschicken? Auf der Straße?“ Seine letzte Hoffnung ist sein Anwalt, der sich um eine Duldung bemüht.
Auch Gazi bekommt keine positiven Nachrichten. Seinem Antrag auf eine temporäre Arbeitserlaubnis als Fassadenbauer wurde nicht stattgegeben. Als Begründung wurde u.A. angegeben, dass der Gazi versprochene Lohn weit unter in Deutschland geltenden Standarts liege.
Ob ich seine philosophischen Sätze vermisse, will Khaled I von mir wissen, als er uns auf dem Schulrückweg zusammen mit Sham für ein paar Stunden besucht. Khaled und seine Familie, die uns in letzten Monaten sehr nahe standen, haben vor wenigen Tagen eine Wohnung bezogen in Spandau.
In wenigen Stunden hatte Serdar eine weitere Gartenbank gebaut. Während Latif, dakel und ich über Liebe sprachen, brannte Mohammed Firas mit dem Lötkolben den Schriftzug KUNSTASYL in die Rückenlehne.
Dakel beginnt kommende Woche mit Klavierunterricht. „Pour Elise“säuselt die Luft.
Romantik daHEIM.
1 Flia, auch fli oder flija, ist ein typisches Gericht der kosovarisch-albanischen Küche.













